Schacholympiade 2008 in Dresden

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Nationaler Schiedsrichter und Turnierorganisator: Sven Noppes

Sven Noppes ist den Schachfreunden in Deutschland auf vielfältigste Art und Weise bekannt. Bereits 1997 hat der damals 21-jährige Noppes das Neckar-Open in Deizisau ins Leben gerufen, welches heute zu einem der weltweit größten Turniere seiner Art gehört. Als Schiedsrichter geniesst er in der Schachbundesliga einen guten Ruf und leitet darüber hinaus seit vielen Jahren die Chess Classic in Frankfurt und Mainz. Im Jahr 2000 waren dort die Top Ten der Schach-Weltrangliste vollständig vertreten.
In diesem Jahr ist für ihn eine weitere schwergewichtige Aufgabe hinzugekommen: die Mannschaftsführung der Bundesligamannschaft des OSC Baden-Baden.

 

Interview mit Sven Noppes

Am Rande des diesjährigen Chessfestivals in Baden-Baden (29.10.05-01.11.05) fand sich Zeit für ein kurzes Interview.

Wie viel Zeit opferst Du für Schach?
Das ist ganz schwierig zu sagen. Ich habe die Stunden nicht gezählt. Natürlich macht Schach einen bedeutenden Teil meiner Freizeit aus, aber das jetzt in Stunden zu fassen ist viel zu schwierig. Es gibt Wochen, da habe ich kaum etwas mit Schach zu tun; das sind aber nur wenige Wochen. Und dann sind da natürlich die Wochen direkt vor dem Neckar-Open, da gibt es nicht viel anderes als Schach.

Wie bist Du überhaupt zum Schach gekommen?
Meine Eltern haben mir irgendwann mal zu Weihnachten einen Schachcomputer geschenkt. Diesem war ein Schachkurs zum Selbststudium beigefügt. Den habe ich schließlich auch gemacht. Und ich habe immer mal wieder gegen diesen relativ schwachen Computer gespielt. Mehr aber auch nicht, da ich sonst niemanden zum Schachspielen hatte. In meiner Familie spielt sonst niemand Schach.
Später wurde in Deizisau mal ein Ferienprogramm ausgeschrieben, bei dem es auch ein Schachturnier gab. Es sollte zwei Gruppen, eine für Vereinspieler und eine für Nicht-Vereinsspieler geben. Allerdings war ich dort aber der einzige Nicht-Vereinsspieler und die erste Partie habe ich gleich gegen den damaligen Deizisauer Jugendvereinsmeister, Sascha Marek, gespielt. Die Partie hatte nur wenige Sekunden gedauert und dann war es auch schon vorbei. Sascha und die anderen Teilnehmer haben mich dann in den Schachverein gebracht. Schon eine Woche später war ich beim Vereinsabend und bin dabeigeblieben.

Jetzt machst Du aber mehr organisatorische Tätigkeiten, macht Dir das mehr Spaß als selber Schach zu spielen?
Natürlich macht mir das Spielen auch Spaß. Als ich aber damals dem Verein beigetreten bin, waren wir in einer sehr schwierigen Situation. Der Verein hatte nur wenige bis gar keine Jugendliche. Zudem gab es sehr viele Senioren. Der Verein war einfach überaltert, ohne das dies jetzt negativ klingen soll. Bei der ersten Hauptversammlung, die ich miterlebt habe, fand sich schließlich kein Vorsitzender. Es war alles in einem kritischen Zustand, aber irgendwie bin ich da relativ schnell herein gewachsen und habe gemerkt, dass ich da ziemlich viel positiv beeinflussen kann und habe schließlich relativ schnell mehr organisiert als gespielt. Dann hat es sich so entwickelt wie es sich entwickelt hat. Und jetzt komme ich fast nicht mehr zum spielen.

Wie siehst Du jetzt Deine neue Aufgabe als Mannschaftsführer beim OSC Baden-Baden?
Das ist natürlich sehr spannend. Thilo Gubler, der Mannschaftsführer der letzten Jahre, hat die Aufgabe aus beruflichen und persönlichen Gründen relativ kurzfristig abgegeben und man hat einen neuen Mannschaftsführer gesucht. Ich kannte die Spieler von verschiedenen Events zumindest schon mal und so kam man ziemlich schnell auf meinen Namen und hat mich gefragt.
Das ist natürlich viel Verantwortung, denn das Ziel ist klar: die Deutsche Meisterschaft. Ich möchte meinen Teil als Mannschaftsführer dazu beitragen dieses Ziel zu erreichen. Ob wir es dann auch wirklich schaffen, werden wir sehen.

Wie bist Du zum Schiedsen gekommen und was sind Deine weiteren Ziele als Schiedsrichter?
Als Schiedsrichter habe ich keine Ziele und hatte auch nie welche. Ich war nicht bereit für unsere Deizisauer Turniere Schiedsrichter für Geld zu verpflichten. Deswegen habe ich mir gesagt, mache ich doch selber eine Ausbildung. Dann habe ich 1998 Hans-Walter Schmitt kennen gelernt, der mir angeboten hat bei den Chess Classic schiedsen zu dürfen, was natürlich eine wunderbare Aufgabe war, die ich nicht ablehnen konnte und wollte. Aber ansonsten ist mir das Amt des Schiedsrichters fast schon etwas zu langweilig. Ich persönlich möchte gerne mehr aktiv tun, mehr organisieren.

 

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Sven Noppes im Gespräch mit Hans-Walter schmitt

 

Was sagst Du einem Nichtschachspieler, wenn er fragt: Wozu braucht man bei Schach überhaupt einen Schiedsrichter?
Die Frage kommt immer wieder und eine richtige Antwort darauf zu geben, so dass es ein Nichtschachspieler auch versteht, ist gar nicht so einfach. Vielleicht kann man es auf den Nenner bringen: Man möchte als Schiedsrichter einfach gute Rahmenbedingungen schaffen, damit die Spieler vernünftig und schön spielen können. Vielleicht auch, um ein bisschen Brisanz aus dem direkten Duell zu nehmen und die wenigen Fragen, die es zu den Regeln und zum Umfeld gibt, neutral zu lösen. Ich denke, es geht nicht darum einen Schiedsrichter für eine einzelne Partie zu haben, sondern jemanden, der sich darum kümmert, eine gesamte Veranstaltung sauber über die Bühne zu bringen und vernünftige Rahmenbedingungen zu schaffen.

Was war bisher Deine schwierigste Partie als Schiedsrichter?
Schwierig würde ich gar nicht sagen, eher unangenehm; die unangenehmsten Entscheidungen sind die, bei denen man es mit Betrüger zu tun hat. Das Ergebnis steht natürlich fest, man disqualifiziert diese Teilnehmer. Ich habe da schon mehrere Betrüger gehabt, speziell in Deizisau. Zum einen welche, die sich bei falschen Turnieren angemeldet haben, also Spieler, die sich mit einer falschen DWZ angemeldet haben, um noch im B-Open mitspielen zu können. Es gab auch schon mal einen Teilnehmer, der sich unter den Namen eines anderen Spielers, den es tatsächlich gibt, gemeldet hat. Das war ganz übel. Bei fünf- oder sechshundert Teilnehmern möchte man ja auch nicht gleich bei jedem Teilnehmer zu Beginn des Turniers den Personalausweis kontrollieren. Damit würde man einem Turnier die Atmosphäre nehmen.

Bereitest Du Dich als Schiedsrichter auf ein Turnier vor, z.B., indem Du noch mal einen Blick in die Regel wirfst?
Ja! Ich bin ein Schiedsrichter, der die Regel nicht auswendig kennt. Solche Schiedsrichter gibt es auch, das habe ich bei Lehrgängen immer wieder festgestellt. Ich versuche einfach immer meinen gesunden Menschenverstand walten zu lassen. Und meistens ist es kein Problem die Schachregeln in Verbindung mit dem gesunden Menschenverstand zu bringen. Dann kommt man meist auch zu einer guten Entscheidung. Ich denke, dass es bisher kaum Entscheidungen von mir gab, über die man groß diskutieren musste.

 

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Aufmerksam beobachtet Sven Noppes eine Wettkampfpartie

 

Dieses Jahr ist Fußball durch die Wettskandale um Schiedsrichter Robert Hoyzer ziemlich in Negativschlagzeilen geraten. Hältst Du so etwas prinzipiell auch im Schach für möglich?
Kaum, denn wenn die Spieler sich am Brett ordentlich verhalten, hat ein Schiedsrichter kaum Einflussmöglichkeiten auf eine Partie. Das ist anders als beim Fußball. Während es beim Fußball ständig Entscheidungen zu fällen gibt, gibt es bei uns vielleicht in einer ganzen Schachpartie gar keine Entscheidung zu fällen, so dass ich auch kaum Einfluss auf diese Partie nehmen kann. Und wenn ich einfach regelmäßig Spieler disqualifiziere oder ihnen die Partie wegnehme auf Grund einer komischen Sachlage, so würde das sehr schnell auffliegen. Im Schach kann ich mir so etwas nur sehr schwer vorstellen.

Wenn Du schiedst, verfolgst Du dann die Partien inhaltlich?
Inhaltlich kaum, dafür bin ich spielerisch auch zu schwach und meist muss ich über so viele Partien den Überblick behalten, das ich mir für einzelne Partien kaum Zeit nehmen kann.

Hast Du den Eindruck, dass es beim Schiedsen im Bezug auf Streitfälle Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt?
Darüber hab ich noch nie nachgedacht, aber wenn Du mich jetzt so direkt fragst, musste ich noch nie einen Streitfall schlichten, bei dem eine Frau beteiligt war. Einzige Ausnahme war meine ziemlich umstrittene Entscheidung in Mainz, wo ich für Judith Polgar die Uhr angestellt habe, obwohl sie noch nicht anwesend war. Das hat manchen nicht gefallen, aber die Regeln sind da eindeutig. Ich denke, es wäre schlecht gewesen, wenn ich mich als Schiedsrichter nicht an die Regeln gehalten hätte. Einige haben hinterher von mangelnden Fingerspitzengefühl geschrieben. Aber ich denke, es war einfach von Judith Polgar darauf angelegt, psychologisch zu agieren und zu sagen, ich lass den Vishy Anand jetzt ein bisschen warten und zappeln und erlaube es mir ein bisschen zu spät zu kommen. In diesem Fall ist es für sie halt schief gegangen, weil ich die Uhr angestellt habe und ich denke, dass war auch in Ordnung so. Man muss in so einem Moment als Schiedsrichter auch den Mut haben, so eine Entscheidung zu treffen. Das Publikum hätte es vermutlich lieber gesehen, ich hätte die Uhr nicht angeschaltet, aber wenn die Regeln so eindeutig sind wie in diesem Fall, muss man sich auch als Schiedsrichter daran halten, sonst braucht man keinen mehr. Einen richtigen Streitfall mit einer Frau habe ich aber bisher noch nicht erlebt und vielleicht sind Frauen auch tatsächlich ein bisschen diplomatischer als Männer.

 

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Bei der Arbeit: zu den Aufgaben eines guten Schiedsrichters gehört
auch die zwischenzeitliche Notation von Bedenkzeit und Zugzahl bei den
laufenden Partien

 

Welche Erwartungen hast Du an die Schacholympiade 2008 in Dresden? Was bedeutet das für das Schach in Deutschland?
Es ist natürlich sehr erfreulich, dass so eine große Sportveranstaltung in Deutschland stattfinden wird und ich habe die Erwartung, dass wir als Deutsche dieses Schachevent organisatorisch gut über die Bühne bringen werden und dass es die Teilnehmer begeistern wird. Manchmal habe ich aber auch das Gefühl, ohne, dass es negativ klingen soll, dass es ein bisschen überbewertet wird. Ich weiß nicht, ob man mit einer einzigen Veranstaltung, auch wenn sie so bedeutend ist, über so viele Tage andauert und so viele Spieler daran teilnehmen, so viele neue Mitglieder gewinnen kann. Ich denke, man muss ein Umfeld schaffen, wo nicht Schach einmal zwei Wochen lang ein Thema ist, sondern, wo Schach ständig ein Thema ist. So eine Veranstaltung wie die Schacholympiade kann dazu beitragen und das Highlight sein, aber es muss noch viel mehr drum herum passieren.

Würdest Du soweit wie Karpow und Kasparow gehen und sagen: „Schach ist mein Leben“?
Nein, manchmal denke ich, hätte ich damals nicht zufällig an diesem Ferienturnier teilgenommen und dort Schach gespielt, sondern an irgendeinem anderen Turnier teilgenommen, wäre ich vielleicht dort geblieben. Früher habe ich viel Fußball gespielt, doch dann habe ich mich am Knie verletzt und deswegen aufgehört. Und hätte man mir nicht die Gelegenheit gegeben so organisatorisch zu wirken wie beim Schach, wäre ich wahrscheinlich woanders hingekommen. Wobei mich das Schachspiel natürlich sehr fasziniert. Aber als mein Leben bezeichne ich es nicht.

Du bist Bankangestellter bei einer bekannten Bank. Hilft Dir Dein Beruf beim Schach, z.B. bei der Suche nach Sponsoren?
Mein Arbeitgeber hat meine Veranstaltungen immer gefördert. Es ist ein öffentlich rechtliches Institut, das seine Mitarbeiter unterstützt, wenn diese sich ehrenamtlich engagieren. Deswegen konnten wir diese Bank auch als Sponsor gewinnen. Und mir selbst hat das Schach im Beruf natürlich auch geholfen, weil das Schach ein sehr gutes Image hat, insbesondere bei Führungskräften. Und es ist ein ungewöhnliches Hobby, man ist ziemlich schnell bei den Leuten als derjenige bekannt, der im Schach etwas unternimmt. Und man fällt damit natürlich auf, wenn man Schach in solchen Dimensionen organisatorisch betreibt wie ich, das möchte ich nicht abstreiten.

Was bezeichnest Du als Deinen größten Erfolg?
In Bezug auf Schach würde ich die Tatsache als meinen größten Erfolg bezeichnen, in Deizisau immer wieder Teams zu finden bzw. bilden zu können, mit denen ich solche große Veranstaltungen wie das Neckar-Open durchführen kann. Mit dem Open haben wir uns einen Namen gemacht. Das Neckar-Open war auch der Grundstein für alles andere was danach kam. Ohne das Neckar-Open in Deizisau wäre ich nie Schiedsrichter bei den Chess Classic in Mainz geworden und auch nie Mannschaftsführer beim OSC Baden-Baden.

Sven, herzlichen Dank für das Gespräch und weiterhin alles Gute!

Die Fragen stellte: Oliver Breitschädel