Schacholympiade 2008 in Dresden

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Beruf Schachtrainer: Christian Goldschmidt

/images/uploads/b46ea18b2c2d4c85d80d740becc81530.jpgvon Axel Dohms













Bild: Christian Goldschmidt 2002. Quelle: http://www.teleschach.de


Statt 60 Minuten von Köln/Niederkassel zum Rathaus Dortmund, wie üblich, diesmal 150 Minuten in die Dortmunder Innenstadt, ebenfalls wie üblich. Ein heilloser Stau am Westhofener Kreuz. Ausnahmsweise mit einem positiven Effekt: ich treffe nicht, wie vorgesehen, um 11.00 Uhr am vereinbarten Zielort ein, wo das kombinierte A- und B-Open mit ca. 160 Teilnehmern als Parallelveranstaltung zum Sparkassen-Meeting, dem wichtigsten GM-Turnier Deutschlands, im benachbarten Schauspielhaus stattfindet. Sondern um 13.15 Uhr.

Punktgenau in die Ruhezone, in der Christian Goldschmidt (Jahrgang 66), der Turnierleiter, sich ein Stündchen für eine Plauderei gönnen kann. Im 20 Schritt entfernten Bistro hocken wir uns bei Milchkaffee und Sprudel hin. Er wirkt etwas matt und müde, ich verlegen ob des Überfalls mitten in der Arbeit, der indes vier Wochen zuvor telefonisch abgesprochen war.


Doch schon meine Eingangsfrage "Was erwarten Sie von den DSB-Aktivitäten im Hinblick auf Dresden 2008?" bringt ihn in Fahrt: "Nicht sonderlich viel. Was den erhofften Mitgliederaufschwung bringen kann, ist der Schulschach-Boom". Das ist nicht das Urteil eines Unbedarften; Chr. Goldschmidt ist ausgebildeter Grundschullehrer (1. Staatsexamen), seit 1993 B-Trainer und hat später auch den A-Schein erworben. Er weiß, wovon er spricht.


"Ich bin seit 15 Jahren im Geschäft. Das hat zusammen mit Sohrabi und Kartsev angefangen. Der hatte eine Ausbildung als Schachtrainer in der SU und hörte, als er sich beim Arbeitsamt meldete, nur 'Njet, gilt nichts und musste ganz von vorne anfangen. Wie wir alle, eigentlich" – Wie das? "Die Geschichte begann vor 17 Jahren, 1988, glaube ich. Damals wurde eine ABM-Stelle eingerichtet, die ein IM für ein Jahr übernahm, dann der nächste. Nach zwei Jahren war die Förderung ausgelaufen. Was blieb, war das rege Interesse der Schulen. Zu der Zeit habe ich angefangen". Wie? "An Grundschulen, Gymnasien".


Das Verhältnis? "24 Grundschulen,3 Gymnasien". Wer betreute die? "Sohrabi, Kartsev und ich. Ich bin seit vorigem Jahr freiberuflicher Schachtrainer wie meine Kumpel auch. Wir sind mindestens fünf in Dortmund". Klappt das? "Sehr gut sogar. Ich reize die Sache nicht einmal voll aus. Im Grunde meines Herzens bin ich noch Idealist". Und die praktische Arbeit? "Schulen, Vereins- und Verbandstraining". Das bedarf einiger Organisation. "In der Tat, die läuft über die Dortmunder Schachschule e.V., deren Leiter ich bin, mit einem angeschlossenen Förderverein. Ihr fester Stützpunkt ist das Vereinsheim Dortmund-Brackel".


Und woher kommt das Geld? "Das ist unterschiedlich. 1.) Verträge mit Ganztagsschulen, die individuell ausgehandelt werden. 2.) Kursbeiträge, die Eltern für ihre Kinder bereit sind zu zahlen. Das richtet sich nach Art (Einzel-, Gruppenunterricht) und Niveau des Trainings, pendelt zwischen 20 und 50 Euro für 60 Minuten". Wieviel Zeit erfordert das beträchtliche Pensum? "Habe ich noch nicht nachgerechnet. Bei mir gehen Arbeit und Freizeitvergnügen nahtlos ineinander über".


Das Stichwort "Freizeitvergnügen" gibt mir, der ich ehrenamtlich fast zwei Jahrzehnte an Grundschulen Schach-Grundwissen vermittele, Gelegenheit, auf das Thema "Brackeler Schachlehrgang" überzuleiten, den ich seit anderthalb Jahren freudig in meine Unterrichts-Materialien aufgenommen habe. Es versteht sich von selbst, dass ich mit einem seiner Autoren darüber ein paar Worte verliere.


Wie ist es dazu gekommen? "Anfang der 90 er Jahre, als ich mit dem Training begann und wenig brauchbares Material vorfand. Ich habe viele Aufgaben selbst zusammengebastelt und den Rest mühsam zusammengeklaubt". Wie lange hat die Bastelei gedauert? "Die Bände haben sich hingezogen. Das Bauern- und Springerdiplom ging ziemlich rasch, wurde gegen Ende der 90er Jahre erstmals gedruckt. Der letzte Band, das Damendiplom, erschien vor zwei Jahren" – Ist die Angelegenheit damit abgeschlossen? "Nein, das Königsdiplom kommt noch". Die Nachfrage ist gut?


"Ich kann nicht klagen. Zur Zeit arbeite ich an Lösungsblättern, die dringend verlangt werden. Die will ich ins Internet stellen, wo sie kostenlos heruntergeladen werden können. Und ich schnell und flexibel auf Verbesserungen reagieren kann". Wann geschieht das? "Nach und nach, ich habe viel zu tun". Ich weise ihn vor allem im ersten Heft auf Merkwürdigkeiten hin, die mir merkwürdig erschienen, z.B. Diagramme ohne Könige. "Das war Absicht. Die Kinder sollen allein darauf kommen: da fehlt doch etwas. Ich korrigiere die Fehler z.T. bewusst nicht und lasse Freiräume für Entdecker-Freuden. Der Lerneffekt ist groß. Die Aufgabe hat dadurch mehr ausgelöst und bewirkt als in ihr angelegt war".


Und wie ist das mit dem Ankreuzen der möglichen und vernünftigen Züge? "Dasselbe. Die Fragestellung übersteigt schon das Anfängerstadium. Wenn die Kids selber darauf kommen, umso besser". Das Argument ist ziemlich stichhaltig und überzeugt mich davon, nicht als konzeptionellen Fehler das zu rügen, was Teilschritt einer sinnvollen Lernstrategie ist.


Wir verlassen das Thema nur indirekt, wenn er auf das nächste springt, die Deutsche Schulschachstiftung Kurt Lellingers, die in ähnlicher Weise interessierte Menschen innerhalb eines Wochenendes befähigt, Schachwissen zu vermitteln: die spielerische Entdeckung von Regeln. Goldschmidt ist ein glühender Anhänger dieser Methode und hat schon etliche Seminare durchgeführt, u.a. mit der VHS Oberhausen. "Alfred Schlya hat mich darum gebeten. Wenn ich danach gefragt werde, sage ich nicht nein". Denn das Schulschachpatent boomt, kürzlich ist die 1000. Urkunde verliehen worden.


Das spannt den Bogen zurück zum Schulschach, das einen Aufwind erlebt. Ich berichte ihm vom Beispiel Saarbrücken/Bastian. Und er hakt gleich nach: "Das war bei uns genauso. 1994 begann es mit 25 Hanseln bei der Schulschach-Meisterschaft. Das verdoppelte sich von Jahr zu Jahr. Heute sind es 200-300 Teilnehmer, so dass wir den Turniermodus ändern mussten. Kein Individualturnier mit 7 Runden mehr, das organisatorisch schwierig ist. Sondern ein Mannschaftswettbewerb mit einer Mannschaft pro Schule.


Mit entsprechenden Qualifikationsturnieren innerhalb der Schulen, um das beste Team zu ermitteln. Mittlerweile nehmen fast 50 Prozent der 90 Dortmunder Grundschulen daran teil". Das ist eine verlockende Perspektive. "Ja, ich phantasiere, aber träume nicht. Wenn dies bundesweit energisch betrieben würde, kämen locker 100000 Schüler zusammen". Ein Traum. "In England gibt es so etwas schon. Die UK (United Kingdom)-ChesseChallenge. Durchstrukturiert: Bezirk, Region, Landesfinale."


Von da kommen wir, nicht ganz zufällig, auf das Thema Schulschachpokal. "Eine Veranstaltung mit gewaltigem Potential", so seine Einschätzung, die ich teile. "Wäre ich Sponsor, wüsste ich, wo ich mein Geld hintäte und mit relativ bescheidenen Mitteln viel erreichen könnte. Aber die kaufen sich halt lieber eine VIP-Lounge im Fußballstadion". Ich erzähle ihm, dass ich in den 90 er Jahren gerne und regelmäßig mit mehreren Mannschaften daran teilgenommen habe, später nicht mehr, als der Termin, wohl auf Betreiben der häufig wechselnden Sponsoren, in die Weihnachtszeit verlegt wurde.


In 3-4 Monaten nach den Sommerferien kann man aus Anfängern kein vernünftiges Team bilden und zudem geht das motivierende Lernziel am Ende des Schuljahrs flöten. Zu meiner Überraschung erfahre ich: "Das soll ab 2007 wieder in alter Form durchgeführt werden" – Schau einer an. Und wer hat den Fehler korrigiert? "Die Schachjugend NRW". Mit welcher Begründung? "Der, die Sie genannt haben".
An dieser Stelle endet das Gespräch, die Partien nähern sich dem Ende, der Turnierleiter ist gefordert, die Pflicht ruft, er muss zurück an den Computer. "Weiterhin ungebremstes Arbeitsvergnügen, Herr Goldschmidt. Auf Wiedersehen bis zum nächsten Mal".


Ich mache noch einen Abstecher zum GM-Turnier im gut besuchten Schauspielhaus nebenan. Den Kopfhörer, den man mir ausgehändigt hat, lege ich schnell beiseite. "Die altbekannten Lieder". Die Partien sind wesentlich spannender: Leko gibt die Dame für drei Leichtfiguren gegen Adams, Kramnik rutscht sechs Züge hintereinander mit der Dame übers Brett gegen Naiditsch, auch in den anderen Begegnungen ist einiges los. Nach 45 Minuten breche ich ab und auf, mit dem komischen Gefühl: nicht selten sind die spannendsten Partien remis. Ein Blick ins Internet am Abend bestätigt die Vermutung: alle Partien gingen unentschieden aus. Zweimal an einem Tag Recht bekommen, das kommt fast nie vor. Darauf spendiere ich mir keinen Sprudel, sondern ein Glas Rotwein.